Die reale Irrealität

Mittwoch, 26.10.2016 – 00:12

Letzten Freitag war die Verabschiedung unserer Oma am Zentralfriedhof. Auf ihren Wunsch hin lässt sie sich verbrennen. Der Gedanke eines langsamen Vermoderns war ihr stets ein Gräuel, dann lieber eine saubere Lösung.  Das Begräbnis war bezahlt, inklusive einem Kranz, rosa – denn rot wäre zu aufdringlich und weiß ist den Kindern vorbehalten – deshalb rosa, das ist dezent und passt zur Edelstahlurne. Die steht aber nicht hier. Wir sitzen vor einem schlichten Holzsarg, darauf ein Blumengesteck, davor der rosa Kranz und daneben ein Foto, so ein richtiges Portrait, gefertigt von ihrem Enkel dem akademischen Meisterfotografen. Sie blickt wohlwollend, den Arm auf eine Lehen gestützt auf diese kleine Schar, die sich versammelt hat um ihr das letzte Lebewohl zu geben.

Es sind Familienmitglieder und Freunde. Allerdings, wenn man über 92 Jahre alt wird, ist der Freundeskreis schon sehr dünn. Die meisten von den wenigen, die noch am Leben sind, sind selbst immobil. Hier gibt es keine Kiebitze und Adabeis, die hier sitzen eint die Trauer und der Verlust.

Sie war die Patriarchin in der Familie, die allerletzte ihrer Generation und jetzt liegt sie dort, vor uns in diesem Sarg. Ich kämpfe nicht nur mit meinen Tränen sondern auch mit dem Akzeptieren. Es ist so schwer! Wenn ich wollte, könnte ich hingehen und nachsehen. Aber das will ich nicht, mir genügt das Wissen, ich brauche keinen Beweis. Was würde ich sehen – eine kalte Hülle, die sie zurückgelassen hat auf ihrem Weg in die andere Wirklichkeit. Das ist nicht mehr unsere Oma, wie wir sie gekannt, geschätzt und geliebt haben.

Zwischen uns ist eine Wand, undurchdringlich trennt sie unsere Welt von der Ewigkeit. Wie es dort drüben wohl aussehen mag? Was sie, unsere Oma, jetzt wohl denkt, sieht, erkennt und erlebt?

Ich habe das Bedürfnis, sie anzurufen, ihre Stimme zu hören. Der letzte Sonntag war öde, denn normalerweise besuchen wir sie da. Was fange ich mit dieser „gewonnenen“ Zeit an?

Ich habe mehr Fragen als Antworten, während sich der Priester durch seine Worte müht. Er hat sie nicht gekannt. Einer unbekannten Leiche das letzte Geleit geben, ist sicher nicht leicht, aber dennoch muss das so unpersönlich sein? Auch er steht vor einer Wand, unsichtbar und dennoch undurchdringlich – hier die Ewigkeit, dort die trotzenden Trauernden.

Ich möchte aufspringen und ihr anstatt dieser gemurmelten Formeln, liebende Worte mitgeben, dorthin wohin wir ihr nicht folgen können, weder mit unserem Körper noch mit unseren Gedanken. Aber ich bleibe sitzen, kämpfe mit den Tränen, während mein Herz rast und nicht zur Ruhe kommt.

Endlich wird es still, Musik erklingt und langsam verschwindet der Sarg aus unserem Blickfeld und mit ihm das Blumengesteck. Übrig bleibt das Bild, der Kranz und wir.

Wir gehen hinaus, draußen scheint die Sonne hell und sanft, ein milder Oktobertag. Vor uns auf der Hauptstraße rauscht der Verkehr an uns vorbei, als wäre nichts passiert. Die Friedhofsangestellten gehen ihrer Arbeit nach und alles ist so wie immer, so wie es auch vor ein paar Tagen war, als sie noch geatmet und die Welt mit uns geteilt hat. Nur für uns ist alles anders.

 

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