Das Beste = gut genug

Samstag, 15.10.2016 – 06:00

Unsere Oma war eine vorbildliche Großmutter, die Beste für meine Kinder. Sie liebte ihre Enkel und Enkelinnen von  ganzem Herzen und diese dankten es ihr als Erwachsene mit ihrer Treue. Bis zum Schluss besuchten sie ihre Oma regelmäßig und damit meine ich nicht einmal im Monat, sondern wöchentlich und als es dem Ende zuging, täglich.

Sie war eine tolle Hausfrau und eine hervorragende Köchin. Als sie nicht mehr gut sehen konnte bemühten wir (eine Tochter und ich) uns, jedes Mal, wenn wir zu Besuch waren, ihre Wohnung sauber zu halten, ohne sie merken zu lassen. Meine andere Tochter übernahm die Aufgabe, sich um ihre Kleidung zu kümmern und mit ihr ins Kaffeehaus zu gehen, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Als sie in ein Pensionistenheim übersiedelte, weil sie zuhause nicht mehr alleine leben konnte, übernahm mein Sohn die Verantwortung für seine Großmutter, war die primäre Ansprechperson und regelte alle administrativen Angelegenheiten.

Sie war die ideale Oma, aber als Mutter war sie nicht so begabt. Ähnliches ließe sich von ihrer eigenen Mutter berichten, eine ideale Oma, aber als Mutter … Dieses Phänomen hört man öfters, warum ist das so?

Unsere Erlebnisse, Empfindungen und Erfahrungen weben sich zu einer einmaligen unverwechselbaren Geschichte. Geprägt vom Schicksal, begleitet sie uns von unseren ersten Anfängen bis zum Totenbett. Jeder trägt seine eigene ganz persönliche Geschichte mit sich herum und je älter wir werden, umso mehr Erfahrungen sammeln wir.

Ich denke, jede Mutter will das Beste für ihr(e) Kind(er) und dennoch erkennen wir im Rückblick, dass wir vieles wenn wir nochmals die Chance hätten anders tun würden. Auch ich sehe meine Zeit als Alleinerzieherin von drei Kindern jetzt mit anderen Augen. Ich weiß, ich habe viel falsch gemacht und gleichzeitig weiß ich, ich habe mein Bestes gegeben, besser ging es nicht.

Wir können das, was wir falsch gemacht haben nicht mehr rückgängig machen. Aber wir können aus unseren Fehlern lernen und Enkelkinder sind die Chance, es nochmals und diesmal besser zu machen.

An euch alle, die da draußen sind und sich über ihre Mütter ärgern, grämen und urteilen. Glaubt mir, sie hat ihr Bestes versucht und gegeben. Jede Mutter tut dies. Auch ihr werdet alt. Wo wir barmherzig sind, dürfen wir zwar keine Barmherzigkeit erwarten, aber zumindest erhoffen.

Wenn wir die Welt mehr unter der Prämisse betrachten würden, „Jeder tut sein Bestes, besser geht es nicht!“ würde uns Barmherzigkeit viel leichter fallen. Wie anders würde unsere Welt aussehen.

Das Foto zeigt die Decke der Sagrada Familia, einer Kathedrale in Barcelona. Ihr Schöpfer, der Architekt Gaudi, widmete seine letzten 14 Lebensjahre ausschließlich dem Bau dieser Kathedrale. Er starb 1926, lange bevor sie vollendet wurde. Noch heute baut man an ihr und hofft, 2026 zu seinem 100. Todesjahr damit fertig zu werden.  Es ist ein wundervolles Bauwerk – ein Wald in Stein gemeißelt, mit einem Blätterdach in 45m Höhe.  Welche Formen unsere Entscheidungen annehmen, liegt an uns – sind sie geprägt von Barmherzigkeit, dann gleichen sie einem Wunder. Sind sie es nicht, dann gleichen sie ….

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