Schlaflos in Wien

Freitag, 14.10.2016 – 00:36

Jeder kennt den Film Schlaflos in Seattle, eine rührige Liebesgeschichte aus den 90-er Jahren.

Viel habe ich damit nicht gemeinsam, abgesehen davon, dass ich am Abend, obwohl ich müde bin – mich mit dem Einschlafen plage, meine Äpfel ebenfalls von der Schale befreie, indem ich versuche sie in einer Linie abzuziehen und ich die Liebe meines Lebens gefunden habe.

Was macht ihr, wenn ihr müde seid und nicht einschlafen könnt? Früher hatte ich damit keine Probleme, drei Kinder halten einen so auf Trab, dass man Abends sobald der Kopf den Polster berührt, augenblicklich ins Koma fällt. Aber diese Zeiten sind vorbei und alles ist anders geworden.

Ich habe schon einige Tricks versucht. Das Schäfchen zählen geht gar nicht, also stehe ich irgend wann wieder auf, schalte mein Tablet ein, lese in meinem E-book Account oder entspanne meine Gedanken bei einem Computerspiel, das nicht Zielgenauigkeit sondern Denkkraft vom Spieler einfordert. Eine andere oder besser gesagt, zusätzliche Methode ist warme Milch mit Honig. Das entspannt zwar nicht die Gedanken, aber beschäftigt den Magen.

Aber ich möchte diese Zeit irgendwie sinnvoller nützen und deshalb sitze ich hier und schreibe an dem Blog, mit dem Ziel einen kleinen Ausschnitt meiner Ideen, Gedanken und Erkenntnisse druckreif zu setzen.

Ich habe den Eindruck, jedesmal wenn ein Menschenkind diese Welt betritt oder verlässt, öffnet sich ein Fenster zur Ewigkeit und die Zeit hält an, verharrt einen Augenblick. Wenn so ein kleines Menschenkind in unseren Armen liegt und dabei denke ich an meine wundervolle Enkelin Anna (das schönste Mädchen weit und breit – und das meine ich wirklich und nicht nur deshalb, weil ich ihre Großmutter bin!) dann verharren wir in dem Staunen über dieses kostbare Wunder der Perfektion.

Wenn wir uns von einem betagten Menschenkind verabschieden, so verharren wir im Schmerz des Verlusts, der Ohnmacht und Unwiederbringlichkeit.

Eines haben beide gemeinsam, ihre Hilflosigkeit. Darauf reagiert automatisch unser Beschützerinstinkt, dem alle menschlichen Regeln und Normen untergeordnet sind.  Wir stützen das kleine Köpfchen vorsichtig, drücken dieses winzige Wesen instinktiv an uns und es stört uns nicht wirklich, wenn Erbrochenes über unsere Schulter auf die neue Bluse rinnt. Auch bei einem Sterbenden ist da plötzlich eine Toleranz in mir, die sonst in meinem Alltag nicht zu Wort kommt. Warum ist das so? Wieso habe ich so unterschiedliche Toleranzgrenzen?

Ich wünsche mir mehr Toleranz und Erbarmen in meinem Leben. Damit meine ich nicht das dumpfe kritiklose Hinnehmen unethische Handlungen, was heute mit Toleranz so gerne assoziiert wird. Ich wünsche mir mehr Toleranz und Erbarmen in meinem Leben in dem Sinn, den anderen in seiner Ganzheit und seinen Bedürfnissen wahrzunehmen. Vielleicht sind dann andere mit mir auch toleranter?

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